Manfred Vogelsänger

Zu jedem Bild eine Geschichte

Manfred Vogelsänger gehörte in den Achtzigerjahren zu den gefragtesten Werbefotografen der Welt.

Camel, Fa, Langnese oder McDonald’s – es sind ikonische Kampagnen, mit denen Manfred Vogelsänger die internationale Werbefotografie in den Achtzigerjahren prägte. Nach einer Karriere als preisgekrönter Fotograf und Regisseur kreativer Werbefilme zog der gebürtige Westfale vor drei Jahren von Düsseldorf nach Krefeld, um sich ganz der Kunst zu widmen. In der ehemaligen Brotfabrik erzählte er uns von goldenen Werbezeiten ohne Photoshop, zeigt Dromedare, Löwen und teetrinkende Scheichs – und tauchte mit uns tief in Bildwelten ein, die Fotografie und Bewegtbild auf neuartige Weise verschmelzen lassen. Ob Kunstwettbewerb für Kinder oder neue Ausstellung – seine Ideen und Geschichten sind grenzenlos.

„Kleine Künstler von morgen“ steht in dicken Lettern auf dem Bildband, den uns Manfred Vogelsänger an diesem Vormittag über den riesigen Massivholztisch reicht, der mitten im luftigen Industrieloft steht. Im Hintergrund läuft entspannte Soul-Musik, die alten Mehl-Silos sorgen mit ihrem knalligen Rotton für eine gemütliche Atmosphäre. Man muss dem gut gelaunten Top-Fotografen und Filmemacher gar keine Fragen stellen, die Anekdoten fließen ohne Aufforderung, während er nebenbei einen Tee zubereitet und italienischen Kuchen serviert. Er tritt bescheiden auf und wirkt kein bisschen arrogant – obwohl er zahlreiche deutsche und internationale Auszeichnungen und Awards erhielt, Stars wie Schauspieler Tom Selleck, Skilegende Rosi Mittermaier und Comedian Hape Kerkeling vor der Linse hatte und schon 1979 eine gemeinsame Ausstellung mit dem später weltberühmten Modefotografen Peter Lindbergh organisierte. Lieber schwärmt er von der Brotfabrik an der Ritterstraße, lobt den kreativen Austausch mit den Künstlern im Haus und erzählt, warum ihn das 2023 abgeschlossene Kinderprojekt besonders bewegt hat.

Heute engagiert sich Vogelsänger in der Förderung von Nachwuchstalenten.

„Das Packen der Umzugskartons brachte mich auf die Idee zu diesem Kunstwettbewerb. Ich fand gemalte Bilder meiner damals achtjährigen Tochter und wollte junge Talente fördern, um ihr Selbstvertrauen zu stärken“, erinnert sich Manfred Vogelsänger an seine Anfänge in der Seidenstadt, an die er sich nach rund 45 Jahren in Düsseldorf erst gewöhnen musste. „Inzwischen fühle ich mich sehr wohl“, lässt er uns lächelnd wissen und freut sich, dass die Arbeit mit den Grundschülern erfolgreich gewesen ist. Dass er über ausreichend Geduld und Ausdauer verfügt, zeigt sich bei der Umsetzung des Wettbewerbs. „30 Krefelder Schulen hatte ich angeschrieben und gebeten, kreative Werke ihrer sechs- bis zehnjährigen Schüler einzureichen. Nach vier Wochen gab es keine Resonanz. Also bin ich persönlich hingefahren, um direkt vor Ort Überzeugungsarbeit zu leisten.“ Das Ergebnis der Hartnäckigkeit: 540 Einsendungen, eine zehnköpfige Fachjury, mehrere gesponserte Publikumspreise inklusive Zoobesuch und OB Frank Meyer als Schirmherr, der doch bitte dafür sorgen solle, dass „mehr Kinder die Chance bekommen, kostenlos den Krefelder Zoo zu besuchen“. Denn noch heute ist er spürbar ergriffen davon, dass sich ein Lehrer persönlich bei ihm bedankte, weil ein Drittel der Kinder noch nie in einem Zoo gewesen war. Dieser Appell ist dem dreifachen Vater genauso wichtig wie die „tollen Arbeiten“ und Geschichten zu jedem einzelnen Bild im Buch. Am meisten rührt ihn das Werk der achtjährigen Josefine, das ineinandergreifende Hände, einen Engel und ein Peace-Zeichen darstellt. „Es entstand kurz nach dem Tod der Mutter des Mädchens.“ Bei Elisabeths Porträt des Oberbürgermeisters müssen wir beide schmunzeln.

Empathie und Humor schimmern auch immer wieder durch, als der leidenschaftliche Werbefotograf mit einer Vorliebe für Charaktergesichter das dicke Buch durchblättert, in dem er auf hochwertigem Papier die Kampagnen von damals gesammelt hat. Der Titel ist Programm: „The good old times without Photoshop“. Wer heute mit Smartphone oder Digitalkamera fotografiert, kann sich kaum vorstellen, wie viel Zeit, Kreativität und Abenteuerlust in den ikonischen Fotografien von Manfred Vogelsänger stecken. Ob die Bilder einer Katze, die als lebendes Model kraftvoll durchs Foto springt, gelungen waren, stellte sich früher erst im Nachhinein heraus: „Da war dann mal nur ihr Schwanz zu sehen.“ Oder der Skispringer im schwarzen Anzug mit Aktentasche und Schirm, für den ein Assistent die „ganzen Klamotten“ mehrfach nach oben tragen musste, weil der Skilift defekt war. „Die Jeeps für die Camel Trophy wurden nach Sumatra geflogen und hingen dann eine Woche im Zoll fest, während wir untätig vor Ort warteten“, erinnert sich der Fotograf an logistische Herausforderungen. Auch Gefahren mussten bewältigt werden wie bei der ersten barbusigen Schönen, die sich für Seife der Marke Atlantik auf einem Felsen räkelte und mehrfach vor den schäumenden Fluten in Sicherheit gebracht werden musste.

Langnese, McDonald’s, Fuji, Kitekat, Club Med, BHW Bausparkasse oder Marlboro – die Marken sind so berühmt wie die Löwen, die seit 1956 beim Cannes Lions International Festival of Creativity verliehen werden. Als Hommage und atmendes Kunstobjekt von Günter Weseler liegt daher auch ein echter ausgestopfter Löwe mitten im Eingang des Lofts von Manfred Vogelsänger, der schulterzuckend zugibt: „Heute würde man das nicht mehr machen, war halt eine andere Zeit.“ Es war eine Zeit voller Fantasie und Mut, ganz ohne KI und Photoshop, aber mit der Mentalität, alles schaffen zu können: Weil es in London keine offizielle Genehmigung gab, wurden die echten Dromedare für Camel eben an einem Sonntagmorgen um sieben Uhr auf der Bond Street abgelichtet, erzählt der Fotograf eine weitere Geschichte. Die Polizei sei erst gekommen, als das Bild schon im Kasten war. Für eine Versicherungsgesellschaft sollte ein Motiv umgesetzt werden, bei dem mehrere Scheichs vor einer Ölflamme sitzen und Tee trinken. Mit dem 600er Mercedes ging es in Kuwait quer durch die Wüste, doch die muslimischen Darsteller legten um 17 Uhr einen Stopp ein, um zu beten. „Dann war die Sonne weg, aber ich hatte zum Glück noch einen Handblitz dabei“, lacht Manfred. Die Agentur ließ das Foto kontern, also seitenverkehrt veröffentlichen, was zu zahlreichen Protestanrufen der islamischen Community geführt habe, weil einer der Scheichs nun mit der „unreinen“ linken Hand Tee zu sich nahm. „An kulturelle Besonderheiten hatte der Art Director gar nicht gedacht.“

Man könnte nun meinen, dass der Gründer der Vogelsänger Film GmbH, der sich vor drei Jahren aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat und sein genaues Alter nicht verraten möchte, vielleicht in einer analogen Vergangenheit steckengeblieben sei. Doch weit gefehlt – er betreibt heute mit Geschäftspartner Carsten Kölsch eine Online-Galerie und widmet sich mit großer Leidensschaft der innovativen Kunst-Fotografie und Moving-Art-Installationen auf modernen digitalen Bildschirmen. Für den 14. und 15. März ist im Foyer der Brotfabrik eine neue Ausstellung inklusive Musik geplant, zu der Inhouse-Künstler ihre Ateliers öffnen sowie befreundete Künstler eingeladen werden. „Eine gute Mischung aus Malerei, Fotografie, Skulpturen, Schmuck und Porzellankunst“ verspricht der Fotograf mit einem dezenten Lächeln. Und blickt scharfen Auges in die Welt von morgen.

Fotograf: manfred-vogelsaenger.de/wpdoc
Galerie: galleristic.com/de

Fotos: Felix Burandt
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